Man gewöhnt sich an vieles. An die Baustelle vor der Tür, an die steigenden Preise im Supermarkt, an das Eis auf den Gehwegen. Aber dürfen wir uns wirklich an Hakenkreuze auf Friedhöfen gewöhnen? An Terrorpläne in Chatgruppen? An das Gefühl, dass unsere Demokratie unter Beschuss steht?
Der Januar 2026 war erst wenige Tage alt, da stapften Unbekannte in Ehrenfriedersdorf ein riesiges Hakenkreuz in den Schnee. Man denkt, ein vergängliches Symbol, doch die Kälte, die es ausstrahlt, bleibt. Nur eine Woche später wurden Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Bautzen geschändet. In Hainichen beschmierte man öffentliche Wände, in Berlin tauchten rassistische Aufkleber des Ku-Klux-Klans auf, und in Thüringen schlagen Schulen Alarm, weil der Hitlergruß auf dem Pausenhof fast schon zur Mutprobe verkommt.
Das Erschreckende ist nicht nur jede einzelne Tat an sich. Das Erschreckende ist die Normalisierung.
Wenn wir die Nachrichten über den Prozessauftakt gegen die „Sächsischen Separatisten“ in Dresden lesen – Männer, die laut Anklage einen bewaffneten Umsturz und die Errichtung eines NS-Staates planten –, fühlen wir uns oft seltsam distanziert. Es wirkt wie ein Krimi, weit weg von der eigenen Lebensrealität. Doch dieser „Krimi“ findet mitten unter uns statt. Die mutmaßlichen Terroristen saßen in Kommunalparlamenten, waren Nachbarn, Kollegen, Mitbürger.
Wir erleben gerade eine schleichende Gewöhnung an das Unerträgliche. Rechtsextremismus ist kein punktuelles Ereignis mehr, er ist zum Grundrauschen in unserem Alltag geworden. Wir nehmen die einzelnen Vorfälle kaum noch wahr, weil die schiere Masse uns abstumpfen lässt.
Doch genau darauf setzen die Feinde der Freiheit: Dass wir wegschauen, weil es zu anstrengend ist, jeden Tag aufs Neue empört zu sein.
2026 ist das Jahr der Entscheidung. Mit fünf anstehenden Landtagswahlen steht unsere demokratische Brandmauer vor ihrer härtesten Belastungsprobe. Wenn wir jetzt nicht aufstehen, wenn wir die rassistischen Sprüche am Stammtisch oder die Aufkleber an der Haltestelle unkommentiert lassen, dann verschieben wir die Grenzen dessen, was in diesem Land sagbar und machbar ist, Stück für Stück weiter nach rechts.
Haltung zeigen ist keine Einstellung für Sonntage. Es ist eine tägliche Notwendigkeit.
Wir dürfen nicht zulassen, dass Hass zur Normalität wird.
Schauen Sie hin, widersprechen Sie, zeigen Sie Gesicht – im Büro, im Verein, in der Bahn.
Denn wenn wir schweigen, gehört der Alltag bald nicht mehr uns, sondern denen, die ihn zerstören wollen.
Peter Ruhenstroth-Bauer