In öffentlichen Debatten wird Antisemitismus häufig als „importiertes Problem“ dargestellt – vor allem im Zusammenhang mit Menschen aus muslimisch geprägten Ländern. Eine Analyse des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) zeigt jedoch: Diese These, die vor allem in rechten und konservativen Kreisen vertreten wird, greift zu kurz und lenkt vom eigentlichen Problem ab. Und das Narrativ ist gefährlich, denn es suggeriert, Antisemitismus sei vor allem ein Problem der Einwanderung und habe mit der deutschen Gesellschaft selbst wenig zu tun. Diejenigen, die das Narrativ verbreiten, wie auch beispielsweise Bundeskanzler Friedrich Merz, lenken vom Antisemitismus in der Mehrheitsgesellschaft ab und verschieben die Verantwortung hin zu Geflüchteten und Zuwander*innen.
Die Daten zeigen:
👉 Antisemitismus hängt deutlich stärker mit politischen Einstellungen zusammen als mit Herkunft.
- Wähler der AfD zeigen überdurchschnittlich hohe Zustimmungswerte zu antisemitischen Aussagen.
- Auch bei anderen Parteien (FDP, BSW, Union) liegen die Werte teils über denen von Befragten mit muslimischem Hintergrund.
- Anhänger von Grünen und Linken weisen die geringsten Zustimmungsraten auf.
👉 Zwischen Menschen mit muslimischem Hintergrund und Deutschen ohne Migrationsgeschichte gibt es bei klassischen antisemitischen Vorurteilen und Verschwörungsmythen kaum Unterschiede.
Zwei Beispiele:
- Der Aussage „Mich nervt es, immer wieder von den deutschen Verbrechen an den Juden zu hören“ stimmen 28 % der muslimisch geprägten Befragten zu. Unter den AfD-Wähler*innen ohne Migrationsgeschichte sind es 55 %.
- Der verschwörungstheoretischen Aussage „jüdische Eliten unterstützen im Hintergrund einen Bevölkerungsaustausch in Europa, um durch billige migrantische Arbeitskräfte mehr Geld zu verdienen” lehnen 80% der Deutschen ohne Migrationshintergrund ab. Unter Menschen mit muslimischem Hintergrund sind es 63%, bei AfD-Anhängerinnen 58%. Auf Zustimmung trifft diese Verschwörungstheorie bei 15% der AfD-Anhängerinnen, bei 11% der Menschen mit muslimischem Hintergrund und 4% der Deutschen ohne Migrationshintergrund.
Brisant ist ein weiterer Befund der Studie:
Die Zustimmung zur sogenannten „Importthese“ geht häufig mit antisemitischen und muslimfeindlichen Einstellungen einher. Mit anderen Worten: Wer Antisemitismus als „importiert“ darstellt, nutzt diese Erzählung oft, um
- eigene Vorurteile zu relativieren
- Verantwortung zu externalisieren
- historische Schuld abzuwehren
Die Studie legt zudem nahe, dass bestimmte antisemitische Sprachmuster nicht mitgebracht, sondern in Deutschland erlernt werden. So ist die Verwendung von „Jude“ als Schimpfwort unter hier geborenen Befragten deutlich verbreiteter als unter neu Zugewanderten.
In Bezug auf israelbezogenem Antisemitismus zeigt die Studie, dass dieser oft eng verwoben ist mit legitimer Kritik an israelischer Politik. Personen mit muslimisch geprägtem Hintergrund äußern am häufigsten Zustimmung zu der antisemitischen Aussage, Jüdinnen und Juden würden ihnen durch die israelische Politik unsympathischer (28% im Vergleich zu 10% bei Deutschen ohne Migrationshintergrund). Die Zustimmung bei AfD-Wähler*innen ist genauso hoch. Zugleich ist bei den Befragten mit muslimischem Hintergrund die Zustimmung zu der politischen Aussage am höchsten (78%), dass es ungerecht sei, wenn „Israel den Palästinensern Land” wegnehme. Unter den Menschen ohne Migrationshintergrund ist die Zustimmung zu dieser These unter den Anhänger*innen des BSW am höchsten (73%).
Was bedeutet das für die gesellschaftliche Debatte?
Antisemitismus lässt sich nicht durch einfache Schuldzuweisungen erklären – und schon gar nicht durch ethnische Zuschreibungen. Wer ihn wirksam bekämpfen will, muss anerkennen:
👉 Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem
👉 Er existiert in unterschiedlichen Milieus und politischen Lagern
👉 Vereinfachende Narrative helfen nicht – sie verschleiern
Eine ehrliche Auseinandersetzung beginnt dort, wo wir aufhören, die eigene historische Verantwortung abzuschieben und das Problem bei „den anderen“ zu suchen.
Insbesondere wenn man die historische Perspektive des Antisemitismus in Deutschland betrachtet, ist die These des importierten Antisemitismus geschichtsvergessen bis zynisch.
Jahrhunderte bevor Deutschland überhaupt ein Einwanderungsland wurde, gab es hier christlich motivierten Judenhass, Verschwörungsmythen, politische und soziale Ausgrenzung von Jüdinnen und Juden, Pogrome, staatliche Diskriminierung und schließlich unter den Nationalsozialisten den industriell organisierten Massenmord an sechs Millionen europäischen Juden und Jüdinnen.
Warum das Narrativ so populär ist: Es dient politischen Zwecken
Rechte Akteure nutzen diese Rhetorik als politisches Werkzeug – nicht zur Bekämpfung von Antisemitismus, sondern zur Diskreditierung von Migration. Antisemitismus wird instrumentalisiert, um Rassismus zu legitimieren. Die Import-These verschleiert Verantwortung und befeuert antimuslimische Ressentiments.
Deutschland braucht keine neuen Schuldzuweisungen. Deutschland braucht eine ehrliche, differenzierte Auseinandersetzung – und eine starke Zivilgesellschaft, die jeder Form von Judenhass widerspricht, egal woher er kommt.