Was tun im Ernstfall?
Zwei Männer entreißen einer Frau die Handtasche. Laufe ich ihnen hinterher? In der U-Bahn wird ein junges Mädchen von Jugendlichen bedrängt. Schreite ich ein? Wie verhalte ich mich, wenn ich Zeuge einer Notsituation werde? Patentrezepte gibt es nicht, wohl aber Verhaltensweisen, die in der Regel erfolgreich sind. Die Kriminalpolizei Frankfurt/Main hat unter dem Begriff „Handeln statt wegsehen” schon vor Jahren Strategien gegen jede Art von gewalttätigen Übergriffen in der Öffentlichkeit erarbeitet, die auch bei rechten Übergriffen eine Orientierungshilfe bieten: Sich möglichst gewaltfrei wehren. Wichtigste Regel, wird man Zeuge einer Bedrohungs– oder Gewaltsituation oder wird man selber bedroht oder attackiert: Selber keine Gewalt anwenden — die Situation kann zu schnell eskalieren: Der Angreifer geht noch brutaler vor, besonders, wenn er sich in der stärkeren Position fühlt. Und Angreifer fühlen sich fast immer als die Stärkeren.
Wie man vermeidet, angegriffen zu werden:
Es ist immer besser, Gefahrensituationen frühzeitig zu erkennen und ihnen auszuweichen, als es auf eine Konfrontation ankommen zu lassen. Man sollte überlegen, wie man Orte meiden kann, die als Treffpunkte potenzieller Gewalttäter gelten. Es ist sicherer, sich in einer Gruppe zu bewegen als allein, es ist besser, durch bevölkerte Straßen zu gehen als durch leere Parks. Um in der Öffentlichkeit nicht von vornherein in eine Opferrolle gedrängt zu werden, helfen:
- ein selbstbewusstes, bestimmtes Auftreten;
- eine sichere Körpersprache (aufrechter Gang);
- der Mut, potenziellen Angreifern nicht provozierend aber fest ins Gesicht zu sehen und ihnen so klarzumachen, dass man sie wiedererkennt;
- falls nötig sprechen oder schreien.
Damit sollte man nicht zu lange warten. Opfer, weiß die Polizei, handeln meistens zu spät. Sie lassen Gewalt zu lange über sich ergehen oder sie reagieren erst, wenn die Situation schon ausweglos geworden ist. Vielen Angegriffenen ist es peinlich, sich öffentlich zu beschweren, Freunde anzusprechen und um Hilfe zu bitten oder laut zu schreien. Völlig falsch: Durch entschlossenen Widerstand, ganz egal welchen, gerät der Angreifer in eine für ihn überraschende Situation, er ist verwirrt, peinlich berührt, vielleicht sogar geschockt. Je unerwarteter der Widerstand den Täter trifft, desto größer ist die Wirkung: Viele Gewalttäter, vor allem Einzelne, lassen sich durch verbalen Widerstand in die Flucht schlagen. Es ist entscheidend, dass man als potenzielles Opfer möglichst früh reagiert, um eine Eskalation der Gewalt zu verhindern, dass man Angst, Scham und Hemmungen überwindet und sofort handelt. Beim Sprechen kommt es darauf an, laut und deutlich zu sprechen, damit andere in der Umgebung begreifen können, um was es geht. Man kann beispielsweise sagen: „Lassen Sie mich in Ruhe und belästigen Sie mich nicht”, „Nehmen Sie Ihre Hand von meinem Arm”. Es ist wichtig, Umstehende oder Passanten anzusprechen und um Hilfe zu bitten, etwa: „Hallo, Sie, der Herr in der Strickjacke, bitte helfen Sie mir: Überfall” oder „Hallo Sie im Anzug, ja Sie, bitte rufen Sie die Polizei!”
Lautes Schreien
Schreien oder Kreischen stärkt das eigene Selbstvertrauen, verunsichert den oder die Täter und mobilisiert die Öffentlichkeit. So genannte „Schrillalarm”-Hochfrequenzdruckluftpfeifen funktionieren auch dann, wenn die Stimme versagt.
Dabei weglaufen
Es kommt nicht darauf an, wie schnell man läuft. Wichtiger ist, wie laut, energisch und andauernd man schreit.
Wie man anderen hilft:
Ist eine Gewaltsituation bereits eskaliert und die Gefahr für einen selber zu groß, sollte man sich nicht aktiv einmischen, geschweige denn einen Angreifer anfassen, wenn man nicht zahlenmäßig in der Überzahl ist. In einer solchen Situation bedeutet Helfen:
- möglichst schnell die Polizei alarmieren (110), der Notruf funktioniert bei Handies auch, wenn eine Prepaid-Mobilfunkkarte leer ist (auch 112 probieren);
- selbst um Hilfe rufen: Das kann den oder die Täter verwirren und das Opfer entlasten. Wichtig ist, dass man laut und ausdauernd ruft;
- sich selbst an andere Leute wenden: „Sehen Sie mal, was hier passiert. Finden Sie das in Ordnung?”;
- Blickkontakt mit dem Opfer aufnehmen und rufen: „Ich helfe Ihnen! Ich rufe die Polizei!”;
- sich nicht selbst von dem Täter / den Tätern provozieren lassen;
- das Opfer laut auffordern: „Kommen Sie her zu uns”;
- dem Täter oder den Tätern zurufen: „Lass das” / „Lasst das!”, andere auffordern, mitzurufen;
- in öffentlichen Verkehrsmitteln die Notbremse ziehen (Achtung: U-Bahnen halten erst im nächsten Bahnhof, bei S-Bahnen haben es Helfer auf freier Strecke schwerer als im Bahnhof);
- das Geschehen aus sicherer Entfernung zu fotografieren, um den Gewalttätern zu signalisieren, dass sie für ihre Tat zur Rechenschaft gezogen werden.
Waffen schaden nur:
Die Polizei rät auch davon ab, sich mit frei erhältliche Waffen zu verteidigen: Schreckschusspistolen, Messer, Elektroschockgeräte oder Reizgassprays vermitteln ein trügerisches Gefühl von Sicherheit. Sie sind sämtlich ungeeignet, eine Gruppe von Angreifern zu stoppen, einen Schläger dauerhaft kampfunfähig zu machen oder einen Angriff durch Drohen abzuwenden (Eskalationsgefahr). Und: Der oder die Gewalttäter können einem die Waffe abnehmen und gegen einen selbst einsetzen. Viel risikoärmer und effektiver als bewaffnete Verteidigung ist der Einsatz einer Hochfrequenzdruckluftpfeife.
Immer Anzeige erstatten:
Opfer einer Straftat sollten grundsätzlich Anzeige bei der Polizei erstatten. So kann die Polizei die Täter ermitteln und zumindest andere vor Übergriffen schützen. Zeigt man Gewalttäter an, baut man auch Hemmschwellen für andere potenzielle Täter auf. Verzichtet man auf eine Anzeige, ist die Gefahr groß, dass ein Täter davon ausgeht, er könne bei nächster Gelegenheit wieder unbehelligt zuschlagen.






