Projektwerkstatt „Trainingsplatz”

Aktu­ell | Ansatz | Ent­wick­lung | Part­ner | Anmel­dung

Im Rah­men der Kon­zept­ent­wick­lung für das Aus­stel­lungs­pro­jekt 7 xjung — Dein Trai­nings­platz für Zusam­men­halt und Respekt öffnete Gesicht Zei­gen! im März 2009 fünf Wochen lang die Türen zum Trai­nings­platz am Ber­li­ner Platz der Ver­ein­ten Natio­nen.
In die­ser Pro­jekt­werk­statt fan­den die Ideen für Inhalte, Gestal­tung und Metho­dik von 7 xjung erst­mals eine Form, um sie mit Exper­ten und Jugend­li­chen zu testen.

Die ver­schie­de­nen Ele­mente wur­den anhand des Lebens­be­reichs Sport — ein Thema, das Jugend­li­che unmit­tel­bar anspricht — bei­spiel­haft durch­ge­spielt. An Hand des The­mas Sport wur­den his­to­ri­sche Bezüge dar­ge­stellt, Aus­gren­zung, Dis­kri­mi­nie­rung, Leis­tungs­druck und Ent­in­di­vi­dua­li­sie­rung the­ma­ti­siert, Juden­ver­fol­gung und Wider­stand, Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit und die Gebor­gen­heit in der Mann­schaft dis­ku­tiert. Das alles fand in einer Raum­ge­stal­tung statt, die sich äste­thisch eben­falls am Sport ori­en­tiert und Mög­lich­kei­ten der akti­ven Betei­li­gung bie­tet, ein künst­le­ri­sches Set­ting, das nicht museal anmu­tet, son­dern über­ra­schend anders wirkt.

Meh­rere Schul­grup­pen– unter­schied­li­chen Alters und Schul­typs -  waren zu Gast in unse­rem „Pro­be­raum”  Trai­nings­platz und wir konn­ten über­prü­fen, ob unsere Ansätze und Ideen tat­säch­lich Kin­der und Jugend­li­che unter­schied­li­cher Hin­ter­gründe ansprechen.

In Fol­gen­dem stel­len wir Ihnen Ele­mente und Metho­den der Aus­stel­lung 7x jung vor, wie sie im Trai­nings­platz zum Thema Sport erprobt wurden:

His­to­ri­sche Bezüge

Der Raum mit sei­ner dun­kel­brau­nen Ver­tä­fe­lung und den far­bi­gen Feld­mar­kie­run­gen steht für Ver­eins­heim und Turn­halle. Er ist inspi­riert von Erleb­nis­sen jüdi­scher Ath­le­tin­nen in den 30er Jah­ren, wie der Hoch­sprin­ge­rin Gre­tel Berg­mann. Allen voran aber wer­den die erfolg­rei­chen Schwim­me­rin­nen von Hakoah Wien por­trai­tiert, denen durch das weit­sich­tige Enga­ge­ment ihres Ver­eins allen die Emi­gra­tion gelang. Die frü­here Rücken­schwim­me­rin Hanni Lux beschreibt die Kraft, die ihr der Zusam­men­halt im Ver­ein gege­ben hat, als sie beim olym­pi­schen Fackel­lauf in Wien mit star­ker anti­se­mi­ti­scher Stim­mung kon­fron­tiert war:

» Von bei­den Sei­ten fühl­ten wir den Hass, den Hass der Mas­sen. Ich fühlte mich schreck­lich. Es war eines mei­ner schlimms­ten Erleb­nisse. Aber dann rann­ten wir schnell in unser Club­haus. Wir rann­ten so schnell wir konn­ten, wir hat­ten Angst, dass sie uns ver­fol­gen. Wir rann­ten hin­ein, schlos­sen die Türen und umarm­ten und küss­ten uns. Es fühlte sich so gut an, Freunde zu haben, zu jeman­dem zu gehö­ren, trotz allem, was gesche­hen war. «

Die uni­for­mie­rende Instru­men­ta­li­sie­rung von Sport ver­kör­pert das zen­trale Wand­bild des Raums, das ein unend­li­ches Feld von Ber­li­ner Schü­lern bei Gym­nas­tik­vor­füh­run­gen zur Olym­piade 1936 in Ber­lin zeigt. Wie Erin­ne­rungs­fo­tos gerahmte Archiv­auf­nah­men doku­men­tie­ren die Aus­gren­zung jüdi­scher Bade­gäste im Ber­li­ner Strand­bad Wannsee.

Frei­stil, ein Kurz­film von Robert Thalheim

Der Kurz­film erzählt, wie das jüdi­sche Mäd­chen Marion in der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus im Ber­li­ner Stadt­bad Schö­ne­berg das Schwim­men lernte — trotz des Ver­bots für Juden in öffent­li­chen Schwimm­bä­dern. Marion House konnte spä­ter mit einem Kin­der­trans­port nach Eng­land flie­hen und dann mit ihrer Fami­lie in die USA emi­grie­ren, wo sie noch heute lebt.

Der Film ent­stand bei einem Besuch von Marion House in Ber­lin 2008 gemein­sam mit Schü­le­rin­nen ihrer frü­he­ren Schule.

Robert Thal­heim hat an der Hoch­schule für Film und Fern­se­hen Potsdam-Babelsberg Regie stu­diert und dort sein preis­ge­krön­tes Spiel­film­de­büt „Netto“ gedreht. Sein zwei­ter Kino­spiel­film „Am Ende kom­men Tou­ris­ten“ über einen Zivil­dienst­leis­ten­den in der Gedenk­stätte Ausch­witz wurde bei den Film­fest­spie­len in Can­nes urauf­ge­führt und für den Deut­schen Film­preis nominiert.

Hans, Marie, Gerd, Hanna, Ruth und Hille, Kurz­ge­schich­ten von Agnies­zka Piwowarska

Auf der Basis von Geschich­ten und Foto­gra­fien zum jüdi­schen Sport der 30er Jahre hat Agnies­zka Piwo­warska sechs Kurz­ge­schich­ten geschrie­ben, die his­to­ri­sche Erleb­nisse dra­ma­tur­gisch ver­dich­ten. Diese Fik­tio­na­li­sie­rung und die jun­gen Stim­men der ein­ge­spro­che­nen Texte erleich­tern es Jugend­li­chen, ver­schie­dene Per­spek­ti­ven ein­zu­neh­men und Hand­lungs­op­tio­nen herauszuarbeiten.

„… Spä­ter, als wir beim Abend­es­sen waren, tat mein Vater so, wie wenn nichts gewe­sen wäre, er war sehr freund­lich und auf­merk­sam und ich – ich konnte kei­nen Bis­sen her­un­ter­krie­gen. Und irgend­wann hielt ich es ein­fach nicht mehr aus, stand auf und sagte, viel zu laut, wie wenn ich eine Rede hal­ten würde: Peter Rosen­feld ist mein bes­ter Freund und wird es auch bleiben!…“

Agnies­zka Piwo­warska hat Schau­spiel an der Thea­ter­hoch­schule Leip­zig und Dreh­buch an der Ham­burg Media School stu­diert. Ihr Kurzfilm-Skript „Ein­la­dung” erhielt 2006 den 1. Preis der Jury beim Film­fes­ti­val in St. Peters­burg, ihre Erzäh­lung „Okto­ber“ den Hohen­em­ser Lite­ra­tur­preis 2009.

Fackel­lauf, Thea­ter­in­sze­nie­rung von Tamer Yigit und  Branka Prlic

Der Hass, der einem auf dem Spiel­feld ent­ge­gen­schla­gen kann, steht als Motiv im Zen­trum der Insze­nie­rung. Aus­ge­hend von Erleb­nis­sen jüdi­scher Schwim­me­rin­nen im Vor­feld der Olym­piade 1936 und Erfah­run­gen tür­kisch­stäm­mi­ger Fuß­bal­ler heute, haben Tamer Yigit und Branka Prlic frag­men­ta­ri­sche Texte für den Trai­nings­platz geschrie­ben und mit jugend­li­chen Ber­li­ner Schau­spie­le­rIn­nen eine Cho­reo­gra­fie entwickelt.

Branka Prlic und Tamer Yigit haben 2008 zusam­men am Heb­bel am Ufer (HAU) „Ein Warn­ge­dicht“ geschrie­ben und insze­niert. Tamer Yigit hat dort bereits sein Tanz-Theater-Projekt „Meine Melo­die“ auf­ge­führt, und spielt nach „Dea­ler“ von Tho­mas Ars­lan in die­sem Jahr in dem Kino­spiel­fim „Die Fremde“ von Feo Aladag.

Raum­ge­stal­tung, Ralf Swin­ley und  Petra Schlie

Die tem­po­rä­ren Aus­stel­lungs­räume am Platz der Ver­ein­ten Natio­nen, dem frü­he­ren Lenin-Platz in Ost-Berlin, sind wie Büh­nen­bil­der gestal­tet. Die Raum­in­sze­nie­rung greift Ele­mente aus dem Sport auf, spielt damit und erschafft eine eigene Welt. Sie weckt per­sön­li­che Asso­zia­tio­nen, die mit Sport zu tun haben, sei es im Schul­sport, zum Spaß in der Frei­zeit oder im Verein.

So erin­nert das von außen ein­seh­bare Foyer durch den hell­blauen Boden, Plansch­ge­räu­sche im Off und den Geruch von Son­nen­creme an ein Frei­bad. Im Dun­keln läuft ein Loop mit Unter­was­ser­auf­nah­men vom Schwim­men, an Haken hän­gen wie olym­pi­sche Ringe Gym­nas­tik­rei­fen in pink und tür­kis, davor ste­hen Turn­bänke aus der Sporthalle.

Die Gestal­tung ist zum einen auf die Prä­sen­ta­tion ver­schie­de­ner Inhalte und künst­le­ri­scher Arbei­ten zuge­schnit­ten, zum ande­ren sind eine Reihe von Anknüp­fungs­punk­ten für ein päd­ago­gi­sches Pro­gramm ange­legt. So kann man mit Krei­de­stif­ten direkt auf die Fens­ter schrei­ben, und die abnehm­ba­ren Rei­fen, Turn­bänke und Boden­mar­kie­run­gen las­sen sich zur Grup­pen­ein­tei­lung, als Requi­si­ten oder zu Bewe­gungs­spie­len nutzen.

Päd­ago­gi­sches Pro­gramm mit Jugend­li­chen, Phil­ipp Har­pain, Bir­git Len­gers, Bir­git Thomas

Für den Trai­nings­platz haben drei Thea­ter­päd­ago­gIn­nen Kon­zepte für die Arbeit mit Jugend­li­chen ver­schie­de­ner Alters­klas­sen und Schul­ty­pen ent­wi­ckelt. Aus­gangs­punkt für eine kleine Test­se­rie von kul­tur­päd­ago­gi­schen Work­shops waren dabei die vier insze­nier­ten Räume mit den fik­ti­ven und doku­men­ta­ri­schen Ver­dich­tun­gen der Geschich­ten, des Kurz­films, der Thea­ter­in­sze­nie­rung und der Video­in­stal­la­tion. Mit thea­ter– und spiel­päd­ago­gi­schen Mit­teln wie Kör­per­übun­gen, Sta­tu­en­bil­dern, Rol­len­spie­len, Aus­stel­lungs­er­kun­dun­gen und gegen­sei­ti­gen Prä­sen­ta­tio­nen ging es darum, sich in Situa­tio­nen hin­ein­zu­ver­set­zen und so ein ande­res Ver­ständ­nis his­to­ri­scher und gegen­wär­ti­ger Geschich­ten zu erlangen.

Phil­ipp Har­pain ist Thea­ter­päd­agoge, Schau­spie­ler und Regis­seur am Grips Thea­ter, die Dra­ma­tur­gin Bir­git Len­gers ent­wi­ckelt für die kom­mende Spiel­zeit am Deut­schen Thea­ter ein neues Kon­zept für das Junge DT und Bir­git Tho­mas ist Thea­ter­päd­ago­gin im Jugend­kul­tur­zen­trum Forum in Mannheim.


Hinzu kamen Pro­jekt­ver­an­stal­tun­gen in den Schu­len im Herbst 2008. Hier­bei wur­den einer­seits thea­ter­päd­ago­gi­sche und andere Metho­den zu per­sön­li­chen Erzäh­lun­gen aus der NS-Zeit erprobt: Etwa anhand der Geschichte einer Freund­schaft zwi­schen einem jüdi­schen und einem christ­li­chen Kind, die von einem Tag auf den ande­ren abbricht. Ande­rer­seits wol­len wir die Per­spek­ti­ven der Jugend­li­chen selbst in das Pro­jekt ein­brin­gen: Wel­che The­men bewe­gen sie? Was inter­es­siert sie an (die­ser) Geschichte? Wel­che Metho­den und Inhalte spre­chen sie am meis­ten an?

In die­ser span­nen­den Pilot­phase konn­ten wir wert­volle Erfah­run­gen und Anre­gun­gen sam­meln, die in die Rea­li­sie­rung der Gesamt­aus­stel­lung  7 xjung — Dein Trai­nings­platz für Zusam­men­halt und Resekt ein­ge­flos­sen. Denn die Jugend­li­chen selbst sind die Exper­tin­nen und Exper­ten dafür, wel­che päd­ago­gi­schen Modelle „funk­tio­nie­ren” und was ihre The­men und Gedan­ken zu einer Ver­bin­dung zwi­schen NS-Geschichte und heu­ti­ger Gegen­wart sind!

Wir bedan­ken uns herz­lich bei den Schü­le­rin­nen und Schü­lern ebenso wie ihren Leh­re­rin­nen und Leh­rern, die an unse­ren Ver­an­stal­tun­gen aktiv teil­ge­nom­men und uns dadurch in unse­rem Pro­jekt unter­stützt haben!

« zurück zur Projektvorstellung